erzählt

I


Ich probiere zehn verschiedene Frisuren aus und gucke, wie ich mich dann fühle. Jeden Tag wird die Haut ein bisschen enger. Das ist kein Grund, gleich in Panik auszubrechen, das kann ganz normal sein. Das sage ich mir, wenn ich mittags im Bad in den Spiegel sehe, denn was sich spiegelt, bleibt offen. Es ist keine Frage der Betrachtung, ich glaube, es gibt gar keine Frage der Betrachtung. Das soll heißen: Man betrachtet ja immer alles, und jeder eher von der Seite als von oben, also sollte man nicht immer dazu tendieren zu sagen, es hänge von der Betrachtung ab; man sagt es ja meistens noch schlimmer, man sagt: Betrachtungsweise, aber was könnte das bedeuten, die Weise des Betrachtens, und das klingt dann so nach Wahl, nach Entscheidung, und die hat man ja meistens doch nicht. Man guckt immer so von der Seite oder von schräg unten und manchmal guckt man aus Versehen dran vorbei oder mit Absicht oder durch, so etwas passiert. Wenn ich dann mittags in den Spiegel sehe, denke ich nicht, es ist eine Frage der Betrachtung, ich denke, was ich sehe, ist irgendwie weiter weg als gedacht, und das hängt dann doch mit der Haut zusammen. Vielleicht ist das doch gar nicht so normal, weil, es fühlt sich ja gar nicht normal an; aber wer soll einem in dieser Frage denn weiterhelfen.

Es fing irgendwie an, als Lasse wiedergekommen ist. Eigentlich heißt er gar nicht Lasse, aber das ist mir meistens egal und deswegen nenne ich ihn trotzdem so. Lasse ist wiedergekommen aus der kleinen Stadt in Südfrankreich und hat mich ganz anders angeguckt. Ganz anders als vorher. Nicht, dass man sich an Blicke besonders gut erinnern könnte, sie bleiben ja nie lange haften, sie schmiegen sich nur kurz an, legen sich auf die Haut des Gesichts oder der Hüfte wie ein etwas feuchter Film, und dann verdunsten sie ganz schnell wieder, hängen manchmal noch ein bisschen im Raum rum; deswegen glaube ich eben, dass man sich eigentlich nicht besonders gut an Blicke erinnern kann. Auch nicht an Worte. Aber irgendetwas bleibt, ein Bild, ein verwackeltes Schwarz-Weiß-Bild aus dem Fotoautomaten, das man zu früh rausgezogen hat, als die Entwicklungsflüssigkeit noch nicht ganz trocken war, ein Gefühl, so wie morgens zwischen Aufwachen und Aufstehen oder wenn man irgendwo kopfüber hängt, ein bisschen zu lange, aber noch ohne dass einem schlecht wird – und dann füllt man alles auf und baut alles drum herum und dann war plötzlich auch alles genau so. Und deswegen weiß ich auch, dass er mich tatsächlich so anders angesehen hat, seit er wiedergekommen war.


(Auszug)